Ich weiß, was ich liebe. Aber wozu lebe ich?
Mein Weg zum persönlichen Sinn
Ein persönlicher Selbstversuch mit Purpose-Werkzeugen – und was sie wirklich bringen.

Das verschwommene Bild
Mit 47 sollte man meinen, dass man gefestigt im Leben steht. Dass die großen Fragen längst beantwortet sind. Wer bin ich? Warum tue ich, was ich tue? Wozu bin ich auf der Welt?
Ich muss gestehen: Bei mir ist das alles andere als klar. Was ich stattdessen habe, ist ein eigenartiger widersprüchlicher Gefühlsmix aus echten Leidenschaften und einem hartnäckigen Gefühl der Leere – beides gleichzeitig, nebeneinander, manchmal sogar ineinander verschlungen.
Ich liebe es, kreativ zu sein. Neue Dinge zu entdecken, zu erschaffen. Mit der Kamera in der Hand versinke ich in eine Welt, in der alles stimmt. Ich liebe das stille, vollständige Aufgehen in kreativer Arbeit – diesen Zustand, den der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi in seinem Werk „Flow: Das Geheimnis des Glücks“ (1990) beschreibt und der sich anfühlt wie das präziseste Gegenteil von Leere.
Und gleichzeitig: das große Fragezeichen. Wozu das alles?
In der Persönlichkeitspsychologie würde man mich wohl als Entdecker bezeichnen. Der Archetyp des Explorers, in Anlehnung an C.G. Jung: einer, der nach Neuem strebt, Grenzen hinterfragt, Abenteuer sucht. Das klingt nach einer Stärke – und ist es auch. Aber jeder Archetyp hat seine Schattenseite. Beim Entdecker ist es die Gefahr, ziellos umherzuirren, sich in sinnlosen Aktionismus zu verlieren und nie wirklich anzukommen.
Das trifft mich. Ziemlich genau.
„Das Gefühl der Leere oder die Furcht vor der Sinnlosigkeit ist eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit.“ – Thomas Pyczak
Es ist seltsam tröstlich zu lesen, dass dieses Gefühl keine Ausnahme ist. Dass Millionen Menschen genau da sitzen, wo ich sitze. Wir leben in einer Zeit beispielloser Möglichkeiten – und genau das macht die Wahl so schwer. Barry Schwartz, amerikanischer Psychologe, nennt das das Paradox der Wahl: Je mehr Optionen wir haben, desto weniger zufrieden sind wir mit dem, was wir wählen.
Jahre des Lesens, Suchens, Fragens
Das quälende Nicht-Wissen hat mich auf eine Reise geschickt, die ich nie bewusst angetreten habe. Ich habe angefangen zu lesen – Ratgeber, populärpsychologische Bücher, manchmal auch philosophische Texte. Nicht in der Tiefe eines Gelehrten, sondern als Suchende. Was dabei blieb, waren keine präzisen Argumente, sondern Schwingungen. Bilder. Das Gefühl, dass andere vor mir dieselben Fragen gestellt haben – und dass ihre Antworten etwas in mir berühren, auch wenn ich sie nicht vollständig durchdrungen habe.
Viktor Frankl, der in „...trotzdem Ja zum Leben sagen“ (1946) über seine Erfahrungen in Konzentrationslagern schreibt, Aristoteles mit seinem Begriff der Eudaimonia – dem gelingenden Leben – oder die japanische Weisheit des Ikigai: Ich bin kein Kenner dieser Werke. Aber ich erkenne mich in ihren Ideen und Kernaussagen wieder und schätze ihren Wert für meine persönliche Sinnsuche.
Thomas Pyczaks Buch „That’s me!“ (2021) ist eines von vielen, das sich der Frage nach dem Sinn des Lebens annimmt. Was es für mich besonders macht: Es ist das erste Buch, das ich nicht wie die anderen einfach nur gelesen und dann wieder vergessen habe. Nein, es ist das erste Buch, mit dem ich wirklich praktisch gearbeitet habe – und über das ich nun anderen berichte.
Fünf Werkzeuge, die mich weitergebracht haben
Ich habe mich durch die sinnerschließenden Methoden gearbeitet und dabei einiges über mich erfahren, das ich vorher nicht in Worte fassen konnte. Hier sind die fünf Werkzeuge, die mir am meisten gebracht haben – und was ich dabei entdeckt habe.
1. Die 5-Why-Methode
Ursprünglich von Toyota entwickelt, um die Ursache technischer Fehler zu finden. Die Idee: Frage bei jeder Antwort erneut „Warum?“ – fünfmal. So gelangst du von der Oberfläche zum Kern deiner Motivation. Ich habe mich gefragt: Warum fotografiere ich? Warum liebe ich es, Neues zu entdecken? Nach fünf Runden landete ich nicht mehr bei Hobbys und Interessen – sondern bei dem, was mich wirklich antreibt: dem tiefen Wunsch, Menschen zu berühren und zu bewegen.
2. Der Golden Circle nach Simon Sinek
Simon Sinek beschreibt in „Start with Why“ (2009) ein einfaches, aber kraftvolles Prinzip: Inspirierende Menschen und Organisationen denken und kommunizieren von innen nach außen. Sie beginnen mit dem Warum – ihrem tiefsten Antrieb und Glauben. Darauf folgt das Wie – die Art und Weise, wie sie handeln und was sie von anderen unterscheidet. Und erst zuletzt kommt das Was – die konkreten Ergebnisse und Handlungen, die andere sehen.
„People don’t buy what you do, they buy why you do it.“ – Simon Sinek
(„Menschen kaufen nicht, was du tust – sie kaufen, warum du es tust.“)
Mein Warum ist es, zu inspirieren und zu erschaffen. Zu entdecken. Das ist der Kern, der alles andere trägt.
3. Die Archetypen in Anlehnung an C.G. Jung
Jung beschrieb universelle Muster der menschlichen Psyche – Archetypen, die in jedem von uns schlummern, aber in unterschiedlicher Ausprägung. Nach meiner eigenen Einschätzung erkenne ich mich zu etwa 70 Prozent im Entdecker wieder – ergänzt durch den Unschuldigen, den Weisen und den Schöpfer, die zusammen die restlichen 30 Prozent ausmachen. All diese Archetypen teilen eine gemeinsame Grundausrichtung: den Wunsch nach Autonomie und Erfüllung.
Der Entdecker strebt nach Freiheit, Autonomie, Authentizität und dem nächsten Horizont. Er findet Erfüllung nicht im Ankommen, sondern im Unterwegs-Sein. Seine größte Furcht: eingesperrt zu sein – physisch oder gedanklich. Und seine größte Gefahr: der Aktionismus ohne Richtung. Das zu wissen hat mich nicht befreit. Aber es hat mir einen Namen gegeben für das, was ich ohnehin immer schon vermutet habe zu sein. Und manchmal ist ein Name schon der erste Schritt.
4. Die Igel-Methode nach Jim Collins
Jim Collins hat in „Good to Great“ (2001) untersucht, was erfolgreiche Unternehmen von mittelmäßigen unterscheidet. Für seinen zentralen Gedanken borgt er sich ein altes Bild: Der griechische Dichter Archilochos schrieb einst: „Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel weiß eine große Sache.“ Der Fuchs – vielseitig, rastlos, immer auf der Suche nach dem nächsten Ansatz. Der Igel – fokussiert, klar, unerschütterlich in dem, was er kann. Collins fragt: Wo liegt dein Igel-Kern? Der Punkt, an dem drei Fragen sich überschneiden: Was kannst du besonders gut? Was treibt dich leidenschaftlich an? Und womit kannst du Wert für andere schaffen?
Für mich: Fotografie und kreatives Storytelling als Stärke. Entdecken und Erschaffen als Leidenschaft. Menschen inspirieren und bewegen als möglichen Wertbeitrag. In meinem Überschneidungsbereich verdichtet sich alles zu einer Kernaussage: Mit Fotografie und kreativem Storytelling inspiriere und berühre ich Menschen – und erschaffe und entdecke dabei Neues.
5. Das Purpose-Rad
Das Purpose-Rad – eine Reflexionsübung aus Thomas Pyczaks „That’s me!“ – setzt verschiedene Lebensbereiche in Beziehung: Werte, Stärken, Leidenschaften, Wirkung, Mindset. Was ich dabei erkannt habe: Ich strebe nach Autonomie und Erfüllung. Und ich habe ein Fixed Mindset entdeckt, das ich lange nicht sehen wollte. Ein Fixed Mindset – ein Begriff, den Psychologin Carol Dweck geprägt hat – bedeutet: Ich glaube unbewusst, dass meine Fähigkeiten festgeschrieben sind. Das Gegenteil, das Growth Mindset, sagt: Fähigkeiten können entwickelt werden. Scheitern ist Lernen, kein Versagen. Das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse, die mir diese Werkzeuge geschenkt haben.
Mein erster Purpose-Entwurf – und die Zweifel, die kamen
Nach all den Werkzeugen habe ich mich hingesetzt und versucht, meinen Purpose in Worte zu fassen. Kein perfekter Satz. Ein erster Entwurf. Ein Nordstern – ein Begriff, den Sinnsucher gerne verwenden für das, was ihnen Orientierung gibt, ohne dass der Weg schon vollständig klar ist. Meiner leuchtet noch etwas verschwommen. Aber er leuchtet.
„Mit meiner Leidenschaft für Fotografie und Kreativität will ich Menschen berühren und inspirieren. Ich will ihnen durch Bilder zeigen, wie schön und einzigartig sie sind – und ihnen damit ein Stück Selbstbewusstsein zurückgeben. Mit meiner Neugier und meiner Liebe zum Neuen will ich Menschen bewegen, ihr Denken zu hinterfragen und sich neuen Möglichkeiten zu öffnen. Ich will Bewegung schaffen. Ich will Neues entdecken und weitergeben.“
Ich habe diesen Entwurf laut vorgelesen. Und dann kam sofort die Frage: Ist das genug? Fotografieren ist schließlich eine Dienstleistung – bezahlt durch Geld oder Dank. Wo ist da der höhere Sinn? Und doch: Menschen durch ihr Abbild zu berühren, sie zu neuen Gedanken über sich selbst zu bewegen und zu inspirieren – könnte genau der höhere Sinn sein, der meiner Leidenschaft Bedeutung verleiht und mir ein gutes Gefühl gibt. Vielleicht ist der Unterschied zwischen Dienstleistung und Purpose genau diese innere Haltung.
Bei diesem Zweifel kam mir das Prinzip des Ikigai in den Sinn – die japanische Lebensphilosophie, deren Name sich aus „iki“ (Leben) und „gai“ (Sinn, Wert) zusammensetzt und in etwa bedeutet: der Grund, aufzustehen. Ikigai erinnert uns daran, dass Erfüllung nicht immer das große, weltbewegende Projekt sein muss. Ich kann nicht wissen, ob meine Fotos Menschen wirklich berühren und inspirieren. Ich kann auch nicht wissen, ob meine Entdeckungen tatsächlich zu neuen Gedanken oder Handlungen bei anderen führen. Aber ich sollte mich davon nicht verunsichern lassen. Denn es sind oft die kleinen, aufrichtigen Dinge, die unvorhergesehen zu großen werden können. Und selbst wenn sie es nicht tun – auch kleine Gesten und Handlungen tragen einen Sinn in sich. Ikigai verlangt keine Größe. Es verlangt Aufrichtigkeit.
Mein Plan. Kein Ziel, sondern ein Weg.
Ich habe mit meinem formulierten Purpose keinen Projektplan aufgestellt. Ich habe eine Richtung bestimmt – eine, die sich jederzeit wieder verändern kann. Was mir wichtig ist: dass ich handle. Dass ich in meinen Handlungen einen höheren Sinn erwarte, der sich hoffentlich zeigt und spürbar wird. Für mich als arbeitssuchende Frau, die noch ein paar Jahre bis zur Rente hat, bedeutet das konkret: aus der Komfortzone kommen. Neues wagen, auch wenn ich glaube, darin nicht gut zu sein. Lernen, dass Fehler und Scheitern nicht das Ende sind – sondern das, was mich wachsen lässt. Aus diesen Gedanken habe ich fünf Prinzipien abgeleitet, an denen ich mich orientiere:
1. Das Mindset zuerst
Carol Dwecks Forschung in „Mindset: The New Psychology of Success“ (2006) zeigt: Menschen mit einem Growth Mindset sind resilienter, neugieriger und erfolgreicher bei der Verwirklichung ihrer Ziele. Der Wandel beginnt nicht mit Handlungen, sondern mit dem Glauben, dass Wandel überhaupt möglich ist. Neue Glaubensätze zu formulieren ist für mich alles andere als einfach. Ich muss mich zuerst meinen sabotierenden Glaubensätzen stellen – sie in meinem Denken und Handeln herausfiltern, entlarven und neu definieren. Das kostet Kraft. Und es soll möglichst unbemerkt geschehen, neben Haushalt, Kind und Mann. Die Versuchung, es beim Alten zu belassen, ist groß. Manchmal wünschte ich, ich wäre zu doof, um nicht zu bemerken, wie ich mir selbst mit falschen Annahmen das Leben schwer mache – und wie ich es mir damit erst gar nicht erlaube, ein gutes Leben zu führen.
2. Wieder ins Entdecken kommen
Nicht als großes Projekt. Sondern als Haltung – in Babyschritten, mit Konsequenz und Konsistenz. Jeden Tag zwei, drei kleine Handlungen, die nur mir und meinem Purpose dienen. Denn ich könnte auch stolz und zufrieden darüber sein, die Wäsche gewaschen, das Kind versorgt und die Einkäufe erledigt zu haben. Aber dann hätte ich nichts für meine Sinnerfüllung getan – denn mein Glück liegt nicht in der Rolle der Hausfrau, die alle bemuttert. Ich will dem Entdecker in mir in der wenigen Zeit, die zwischen meinen Pflichtaufgaben bleibt, den Raum geben, damit er nicht verkümmert und sich nutzlos fühlt.
3. Klein anfangen, Freude finden
James Clear zeigt in „Atomic Habits“ (2018): Nicht große Entschlüsse verändern uns, sondern kleine, konsequente Handlungen. Ein Prozent besser jeden Tag – nach einem Jahr bin ich 37 Mal so weit wie am Anfang. Kleine, konsequente Handlungen klingen gut. Aber ich bin ehrlich: Meistens kommt mir über kurz oder lang etwas dazwischen. Bevor aus einer neuen Handlung eine Gewohnheit wird, braucht es laut aktuellen Studien ca. 10 Wochen der Eingewöhnung. Vielleicht muss ich hier meinen ganz eigenen Weg finden: eine verbindliche Vereinbarung mit mir selbst, in der ich bestimmte Ziele festsetze. Oder eine innerliche Strichliste, die mindestens zwei neue kleine Handlungen pro Tag vorsieht – verteilt auf zwei konkrete Bereiche, zum Beispiel Fotografie und Videoschnitt, oder Canva und Reels. Ich fange nicht groß an. Ich fange an.
4. Den Weg sehen, nicht das Ziel
Der Entdecker braucht keinen Ankunftsbahnhof. Er braucht eine Richtung. Die Stoiker – allen voran Marc Aurel in seinen „Selbstbetrachtungen“ – lehrten, sich auf das zu konzentrieren, was man steuern kann: die nächste Handlung, die eigene Haltung, den nächsten Schritt. Nicht den Horizont. Und doch brauche ich zwischendurch kleine Anerkennungen für meine Etappenziele – für das Weitergehen selbst. Kleine Belohnungen, die mir und meinem Unterbewusstsein zeigen: Das bisschen zählt. Ich habe etwas erreicht.
5. Mit Zweifeln leben
Das ist vielleicht das Wichtigste. Der Zweifel ist nicht mein Feind. Er ist der Beweis, dass ich ernsthaft suche. F. Scott Fitzgerald schrieb sinngemäß, dass Intelligenz darin besteht, zwei gegensätzliche Ideen gleichzeitig im Kopf zu halten und trotzdem handlungsfähig zu bleiben. Das ist mein Ziel. Nicht Sicherheit. Handlungsfähigkeit.
Was bleibt
Ich habe noch nicht alle Antworten auf meine Fragen im Leben gefunden – und die ein oder andere werde ich wohl nie beantwortet wissen. Aber ich habe gelernt, damit umzugehen. Zu wissen, dass Zweifel und unbeantwortete Fragen zum Leben dazugehören, ist keine Niederlage. Es ist in Ordnung.
Was ich habe, ist mehr als ich dachte. Ich habe Klarheit über das, was mich bewegt. Ich habe Werkzeuge, mit denen ich weitersuchen kann. Ich habe einen ersten Entwurf, der noch nicht perfekt ist – aber der mir gehört.
Und ich habe verstanden: Purpose ist keine Entdeckung, auf die man wartet. Er ist eine Entscheidung, die man immer wieder trifft. Im Kleinen, im Alltag, im nächsten Schritt.
„Der Sinn des Lebens ist es, deinem Leben Sinn zu geben.“
– sinngemäß nach Viktor Frankl
Falls du auch irgendwo auf dieser Suche bist – irgendwo zwischen Leidenschaft und Fragezeichen –, dann ist dieser Text vielleicht kein Ratgeber. Aber vielleicht eine Einladung.
Fang an. Mit dem Nächsten. Mit dem Kleinen. Mit dem, was direkt vor dir liegt.
Ich tue es auch.
Dieser Beitrag ist entstanden im Dialog mit Thomas Pyczaks „That’s me! Wie Sie Purpose als Kompass zum Erfolg nutzen“ sowie den Ideen von Viktor Frankl, Simon Sinek, Carol Dweck, Mihaly Csikszentmihalyi, Jim Collins, James Clear und Marc Aurel.
